Geschichte des Wassersports



Berlin, das ist wohl weltweit die Stadt mit den meisten und vielfältigsten Wassersportvereinen. Im Süden Berlins, in Grünau, schlägt bis heute das Herz des deutschen Wassersports. Von hier gingen viele Ideen und Gedanken aus, die den Wassersport entwickelten und bereicherten.Historische Postkarte

Die Sporthistoriker stellen heute eine fröhliche "Tavernengesellschaft" segelnder älterer Herren um 1835 in Stralau an der Oberspree an den Anfang der deutschen Sport- und Segelgeschichte.
Die 1. Segelregatta fand 1868 zwischen Bammelecke und Köpenick statt. Die Gründung des ersten Berliner Rudervereins folgte dann 1876.

Grünau, damals noch vor den Toren der Stadt gelegen, entwickelte sich ab 1880 durch die Regattastrecke schnell zu einem  Zentrum des deutschen Wassersports. Um 1900 begann die Bebauung des Grünauer Ufers mit Ruder- und Segelvereinen. Zwischen Stralau und Grünau sind 1925 schon ca. 100 Rudervereine beheimatet.
Ruderer mit alter Regattatribüne
Seit 1880 entwickelte sich der Wassersport in rasantem Tempo. Die Veränderungen in Berlin, ausgelöst durch die Ernennung zur Reichshauptstadt, sowie die Initiative des Fabrikbesitzers Spindler, der Boote für seine Angestellten bauen ließ, förderten diese Entwicklung. Am 27. Juni 1880 fand in Grünau die erste Regatta der vereinigten Rudervereine der Oberspree statt.
 
Zur zweiten Regatta, am 11.9.1881, kämpften bereits der Spindlersfelder Ruderverein und der Berliner Ruderclub mit einem Dresdner und einem Stettiner Ruderverein.

Diese Regatta führte zehn Tage später am 21.9.1881 zur Gründung des Berliner Regatta-Vereins, der sich unter seinem Schriftführer Georg Wilhelm Büxenstein, maßgeblich um den Aufbau eines Regelwerks für den Regattasport im Rudern und Segeln verdient machte.
Regatta

Der Wassersport spielt vor allem für die Freizeitgestaltung der Bevölkerung Berlins eine wichtige Rolle. Die Keimzelle des Arbeitersegelsports begründeten der 1891 gegründete Segel-Club "Fraternitas" und die 1898 entstandene Vereinigung der Tourensegler Grünau.

Durch deren Zusammenschluß entstand im Jahre 1901 der Berliner Wettsegelverband. Hieraus ging später der Freie Seglerverband hervor, dem 42 Vereine mit ca. 2700 Mitgliedern angehörten.

"Bürgerliche" Frauen durften erst 1901 mit Gründung des ersten Damenrudervereins in die Boote. Die Kleiderordnung war streng: Nur mit langem Rock, Bluse, Schlips und hohen Schnürstiefeln bekleidet durften die Damen sich sportlich betätigen. Weniger auf Etikette bedachte Arbeiterfrauen ruderten schon seit 1892.
Vereinshaus um 1900
Der erste Frauenruderverein Deutschlands bezog im Jahre 1912 sein eigenes Bootshaus am Teltowkanal, 1915 gründete sich der erste Mädchenruderverein in Sadowa.

Imposant waren die Bauwerke der Vereine, seien es deren Vereinshäuser oder die Regattatribüne.

Das sumpfige Ufer an der heutigen Regattastraße wurde befestigt. Dann entstand zunächst ein ungedeckter Tribünenbau direkt am Wasser für ca. 1200 Personen, der jährlich auf- und abgebaut werden konnte.

Durch das anwachsende Interesse baute man die Anlagen weiter aus. 1896 wurden weitere Uferflächen gepachtet, die erste feste Tribüne konnte schon 1899 eingeweiht werden.
Auch die Regattastrecke selbst wurde ausgebaut. Für Besuche des Kaiserhauses wurde extra ein Pavillon im norwegischen Stil errichtet, von dem die Wettkämpfe gut eingesehen und Preise verteilt werden konnten.
Regatta mit Kaiseryacht
Die gesamte Architektur und Gestaltung führte dazu, das in Berlin die Deutschen Meisterschaften im Einer 1900 und 1902-03 sowie ab 1906, 1911 und 1912 auch noch im Zweier, Vierer und Achter ausgetragen wurden.

Kaiser Wilhelm II. gab sich bei "Kaiserwetter" auf seiner Yacht "Alexandria" die Ehre, wenn die Sportler auf der Dahme bei Wettkämpfen ruderten. Regatten in Grünau zählten zu den gesellschaftlichen Höhepunkten Berlins. Mehr als 50 000 Besucher säumten die Strecke und veranstalteten ein Volksfest. Die Stiftung eines kaiserlichen Wanderpreises für die akademischen Ruderer und Berliner Schüler sowie weitere Preise verstärkten die Anziehungskraft der Grünauer Regatten. Grünau war damals das Mekka des Wassersports.

Nur der Ausbruch des 1. Weltkrieges verhinderte, das die für 1914 geplante Europameisterschaft im Rudern in Grünau ausgetragen werden konnte.


Erst 1919 fanden wieder Rennen in Grünau statt, wenn auch verhalten. 1920 gab es ein Herbstrudern, 1921 eine Frühjahrsregatta. 1925 plante die Stadt Berlin einen Uferweg anzulegen, 1926-27 wird die Regattastrecke begradigt, die Anlage so für Meisterschaften und Olympiakämpfe ertüchtigt.
Ruderverein
Neben dem Rennsport wurde auch das "Wasserwandern" gepflegt. Durch das Boot war man mobil, konnte mit leichtem wetterfestem Gepäck auch längere Fahrten in Angriff nehmen. Utensilien wie eine Campingliege, Stühle und ein Klapptisch wurden samt Familie in einem Paddelboot verstaut und auf Tour mitgenommen.

Zwischen 1920 und 1931 fanden in Grünau wieder Deutsche Meisterschaften und Kampfspiele statt. Mit des Machtergreifung Hitlers und der Nazionalsozialisten 1933 brachen schwere Zeiten für die jüdischen Mitglieder der Wassersportvereine an. So wurde der Club " Helvetia", ein Verein mit jüdischen Mitgliedern, von den Nazis verboten.


Vielen anderen Vereinen erging es nicht besser, Freundschaften zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Mitgliedern wurden zerstört. Die Berliner Rudergesellschaft Undine, seit 1908 in Grünau ansässig, wurde ab 1933 stark reglementiert. 1938 verloren die Sportler ihr Bootshaus an die SA. Die bis dahin politisch unabhängigen Verbände wurden unter einer Reichssportführung zusammengefaßt.
Ruderclub Sport-Borussia e.V. um 1941

Mit der 1934 getroffenen Entscheidung, die Olympischen Spiele 1936 in Berlin auszutragen, begann die bauliche, sportliche und organisatorische Vorbereitung. Als Test für die Olympischen Spiele wurde 1935 in Grünau die Europameisterschaft im Rudern ausgetragen und die Regattatribüne erlebte ihre erste Bewährungsprobe, die im Prinzip bautechnisch noch heute so erhalten ist.


Von Pioniereinheiten wurde für die Dauer der Olympischen Spiele eine zusätzliche Wassertribüne auf Pfählen errichtet, ebenso eine zugehöriger Pontonbrücke.

Das Olympische Feuer wurde damals von Schülern zur Olympiastrecke gebracht, von dort fuhren es Kanusportler mit einem Kanadier über den See um es dann auf den Müggelbergen im Aussichtsteil der Bismark-Warte für die Dauer der Spiele brennen zu lassen. Im Rudern traten 25 Nationen, im Kanu 19 Nationen an den Start.
Regatta 1950

Dann folgten weniger gute Jahre für den Wassersport. 1940-1943 fanden noch Kriegsmeisterschaften im verdunkelten Grünau statt. Die Regattaanlagen wurden durch Luftangriffe beschädigt und konnten nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden.


Nach 1945 begann der schwere Anfang, indem man verstreutes Bootsmaterial sammelte und die beschädigten Vereinshäuser sicherte. Die erste Meisterschaft fand dann 1949 statt, aber noch nicht auf dem Regattagelände, welches erst 1950 von der Besatzungsmacht geräumt wurde.


Die getrennten Wege in Ost und West ergaben, das im Westteil die Vereine unter ihren alten Namen neu lizensiert wurden. Im Ostteil begann die Umstrukturierung und Umwandlung in Betriebssportgemeinschaften.
Bootsausstellung

Die Kriegsschäden an den Regattaanlagen konnten nun beseitigt werden, die Tribüne war zum Deutschlandtreffen 1950 wieder benutzbar. In den 50er Jahren fanden zwei gesamtdeutsche Meisterschaften und die DDR-Meisterschaften in Grünau statt.


Zwischen 1960 und 1990 folgten weitere 16 DDR-Meisterschaften, die Europameisterschaften der Frauen im Rudern 1962 und 1968, die Weltmeisterschaften 1966 im Kanu. Jährlich fand die Große Grünauer Regatta statt.

In der DDR befand sich in Grünau das Trainingszentrum der Wassersportler.
Training
Auch Wettkämpfe in Motorbooten wurden auf der Dahme ausgetragen. Während der alljährlichen Wassersportausstellung war Grünau Ziel vieler Wassersportler. Dies machte Grünau auch überregional bekannt.

Seit 1990 ist es rudersportlich um die Grünauer Regattastrecke ruhiger geworden. Kanupolo und Drachenbootveranstaltungen sind ergänzender Reigen.